Warum die Kapitalismuskritik seit den 1970ern an Biss verlor – eine neue Anthologie sucht Antworten
Marlene SeifertWarum die Kapitalismuskritik seit den 1970ern an Biss verlor – eine neue Anthologie sucht Antworten
Krise der Kritik? Eine neue Anthologie untersucht, warum die Kapitalismuskritik seit den 1970er-Jahren an Schärfe verloren hat
Die neue Sammelschrift „Krise der Kritik? Gegner des Kapitalismus im neoliberalen Zeitalter“ analysiert, warum die Kritik am Kapitalismus seit den 1970er-Jahren an Wirksamkeit eingebüßt hat. Das Buch argumentiert, dass das Scheitern der Linken, den Neoliberalismus wirksam herauszufordern, auf tiefgreifendere Verschiebungen in der Art und Weise zurückzuführen ist, wie Widerspruch artikuliert wird. Statt eines schlichten Rückgangs des Protests zeigen die Autor:innen eine grundlegende Veränderung im Wesen der Kritik selbst auf.
Der Band untersucht, wie Proteste, politische Strategien und intellektuelle Debatten den Widerstand umformten – von systemischen Großangriffen hin zu enger gefassten, konsumorientierten Beschwerden. Gleichzeitig hinterfragt er, ob die Sehnsucht nach dem Kapitalismus der 1960er- und 1970er-Jahre eine komplexere Realität verklärt.
Der Aufstieg des Neoliberalismus seit den 1970er-Jahren wird häufig auf zwei Weisen erklärt: als Folge struktureller Veränderungen im Kapitalismus oder als Triumph einer bestimmten ideologischen Doktrin. Doch das Buch legt nahe, dass keine dieser Deutungen vollständig erklärt, warum der Widerstand an Kraft verlor. Stattdessen zeichnet es nach, wie linke und sozialdemokratische Gruppen in Krisenzeiten oft selbst neoliberale Reformen übernahmen – und damit wenig Raum für eine kohärente Gegenoffensive ließen.
Die Proteste von 1968 etwa verbanden konsumkritische Ansätze mit breiteren Angriffen auf das kapitalistische System. Doch selbst damals waren bereits Elemente einer konsumfixierten Kritik in der Nachkriegsprosperität angelegt. Die Autor:innen widerlegen die Vorstellung, die Kritik sei einfach verschwunden, und zeigen stattdessen, wie sie sich zersplitterte. Der Begriff „Neoliberalismus“ selbst, so ihre These, verenge die Kritik oft auf bestimmte Ausprägungen des Kapitalismus, statt das System als Ganzes in den Blick zu nehmen.
Die Gründung der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) in Deutschland Anfang der 1990er-Jahre veranschaulicht diesen Wandel. Statt einer Renaissance des fundamentalen Antikapitalismus vermischte die Partei identitätspolitische Ansätze mit keynesianischer Wirtschaftspolitik – ein deutlicher Kontrast zu früheren systemischen Herausforderungen. Zudem kritisiert das Buch die verklärte Rückschau auf den Kapitalismus der 1960er- und 1970er-Jahre als verlorene Ära fairer Löhne und Arbeiterrechte: Eine solche Nostalgie verzerre die historischen Realitäten.
Ein zentraler Gedanke ist, dass die sogenannte „Krise der Kritik“ nicht auf einen Mangel an Widerspruch zurückzuführen ist, sondern auf dessen Individualisierung. Doch die Autor:innen wehren sich gegen diese Erzählung und belegen, wie Konsum- und Systemkritik seit jeher miteinander verwoben waren. Sie betonen, dass eine fundierte theoretische Auseinandersetzung mit ökonomischer Kritik unverzichtbar bleibt, um heute eine progressive Herausforderung des Kapitalismus zu formulieren.
Die Anthologie beschränkt sich nicht auf die Analyse vergangener Fehlschläge. Sie argumentiert, dass das Verständnis dieser Verschiebungen entscheidend ist, um die gesellschaftlichen Umbrüche der letzten fünf Jahrzehnte zu deuten. Ohne diese Perspektive riskiert die Linke, dieselben Fehler zu wiederholen – sich auf Symptome zu konzentrieren, statt die Struktur des Kapitalismus selbst anzugreifen.
Das Buch kommt zu dem Schluss, dass die Schwäche der Neoliberalismus-Kritiker:innen in ihrer Unfähigkeit liegt, über fragmentierte, oft konsumgetriebene Protestformen hinauszugelangen. Es plädiert für eine Rückkehr zu einer stringent ökonomischen Kritik als Grundlage jeden sinnvollen Widerstands. Ohne sie wird die Linke weiterhin gegen ein System kämpfen, das ihre Herausforderungen immer wieder absorbiert und vereinnahmt hat.
Indem „Krise der Kritik?“ die Debatte neu rahlt, bietet der Band einen Fahrplan für eine Neuausrichtung des Widerstands – nicht als Rückbesinnung auf die Vergangenheit, sondern als klarsichtige Konfrontation mit dem Kapitalismus in seiner heutigen Gestalt.






